Perspektivenwechsel: Von der Uni in die Industrie

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Man könnte denken: „Als Wissenschaftler macht man Wissenschaft – da spielt es doch keine Rolle, ob an der Uni oder in der Industrie“. Ja, die wissenschaftliche Denkweise und Methodik ist durchaus ähnlich, aber der größere Kontext ist ein vollständig anderer. Wir erläutern den Unterschied.

Unternehmerisches Denken

Die ersten beiden Grundregeln unternehmerischen Denkens und Handels konnte ich schon während meines ersten Vorstellungsgesprächs in einem Unternehmen erahnen:

  1. ein Unternehmen muss Gewinn erwirtschaften und diesen reinvestieren, um innovativ bleiben und langfristig am Markt bestehen zu können.
  2. Marktorientiertheit als Grundlage von strategischen Entscheidungen und Kundenzufriedenheit als Ziel aller operativen Handlungen hat nicht nur mit Vertrieb zu tun, sondern ist die geistige Grundhaltung, die den Schlüssel für den unternehmerischen Erfolg sicherstellt.

Klingt abstrakt und erschlagend, aber sobald man ein Unternehmen betritt, wird einem klar, dass der Fokus ein komplett anderer als der an der Universität ist. Natürlich händigt einem niemand ein Handbuch aus, in dem die oben beschriebene Sätze stehen, sondern diese Denkweise wird einfach gelebt und man erkennt sie sofort an der Sprech- und Handlungsweise der meisten Mitarbeiter*innen in den Unternehmen.

Meine erste Stelle in der Industrie war die als Projektleiterin in der in in-vivo-Abteilung eines Auftragsforschungsunternehmens. Wie ich schon berichtet habe, kam ich eher zufällig zu der Stelle. Kurz zur Erinnerung: Am Institut, an dem ich Postdoc war, forschten wir an Mäusen. Wir hatten die Haltung und Zucht der Tiere an ein Auftragstierhaltungsunternehmen ausgelagert und ich war die Ansprechpartnerin für den für uns zuständigen Projektleiter des Unternehmens. Wir hatten wöchentlich Kontakt, um Zuchtschemata zu besprechen und so erfuhr ich, dass eine Projektleiterin für die in-vivo-Abteilung gesucht wurde. Ich bekundete Interesse und da ich dem Unternehmen schon aus der Zusammenarbeit persönlich bekannt war, wurde ich direkt zum Vorstellungsgespräch eingeladen.

Und nun möchte ich erläutern, wodurch ich schon im Vorstellungsgespräch die Grundregeln des unternehmerischen Denkens und Handels kennenlernte. Im Vorstellungsgespräch ging es nur ganz zu Anfang kurz um meine wissenschaftliche Expertise. Es wurde einfach davon ausgegangen, dass ich die wissenschaftlichen Kenntnisse, die im CV beschrieben waren, auch hatte und beherrschte. Vielmehr ging es in dem Gespräch um betriebswirtschaftliche Themen:

  • Die Geschäftsfelder: Auftragstierhaltung, Health Monitoring, Kryokonservierung, Antikörper- und Assayentwicklung, präklinische in-vivo-Studien an Nagern und am Schwein
  • Kundenstruktur
  • Pläne zur Geschäftsfelderweiterung
  • Konkurrenzsituation und Preisstruktur
  • Organisation der Stammkundenpflege und Pläne zur Neukundenakquise

Mir glühten die Ohren und mein Gehirn lief auf Hochtouren. Das hatte ich so nicht kommen sehen. Glücklicherweise wurde von mir nur erwartet, dass ich das, was da besprochen wurde, grob verstand und nicht, dass ich das ganze Wissen dazu schon mitbringe.

Das war so peinlich

Während des Rundgangs durch das Unternehmen sollte mir auch das Tierhaus und die dazugehörigen Labore gezeigt werden. Einer der Projektleiter führte mich herum. Als wir das Tierhaus betraten, erklärte er mir, dass wir uns umziehen müssten, um keine Keime von draußen in die Tierhaltung zu tragen. Er hielt mir einen detaillierten Vortrag über die Hygienestandards und wie wichtig es sei, dass alle Mitarbeiter sich akribisch daran halten und auf keinen Fall mit ihrer Straßenkleidung in die Tierhaltung dürften. Also mir war klar: Das Thema hat maximale Priorität. Er erklärte mir, dass ich in den Umkleidebereich für Damen gehen solle, gleich im ersten Schrank würde ich einen Anzug finden, den solle ich anziehen und dann auf der anderen Seite wieder rauskommen. Er gehe in die Herrenumkleide und würde dann auf der Tierhaltungsseite auf mich warten.

Ich ging in die Umkleide, ich fand sofort den Schrank, aber dann kam der Schock: Es handelte sich um einen Anzug, durch dessen Gewebe man durchschauen konnte. Also, eigentlich ein Anzug, den man über seine Kleidung zieht. Aber der Projektleiter hatte mir doch gerade einen sehr eindringlichen Vortrag gehalten, dass man auf keinen Fall mit Straßenkleidung in die Tierhaltung dürfe. Was sollte ich denn jetzt machen? Es war auch keine andere Frau in der Umkleide, die ich hätte fragen können.  Aus lauter Angst, ich könnte die Tierhaltung kontaminieren, habe ich mich also bis auf Slip und BH ausgezogen, den mehr oder weniger durchsichtigen Anzug angezogen und bin gefühlt „nackt“ auf der anderen Seite der Schleuse in die Tierhaltung spaziert. Der Projektleiter fing sofort an zu lachen und hatte Schwierigkeiten, sich überhaupt wieder zu beruhigen. Es stellte sich heraus, dass wir in die eigentlichen Tierhaltungsräume gar nicht reingehen würden, sondern nur durch die Scheiben in den Türen reinschauen würden und das für den Flurbereich der „Überzugsschutzanzug“ für Besucher ausreiche. Ich hätte den Anzug also einfach über meine Kleidung ziehen können. Tja, das war unbeschreiblich peinlich, und die Geschichte wurde in der Folgezeit noch sehr oft zum Besten gegeben. ABER: Mir wurde hoch angerechnet, dass ich den Vortrag über Hygienestandards wirklich ernst genommen habe und dass ich über mich selbst lachen konnte.

Nun werfen wir aber einen Blick auf Big Pharma.

Konkretes Ziel in Pharma: ein marktreifes Medikament

Forschungsprojekte in der Pharma-Industrie haben immer das Ziel, ein marktreifes Medikament oder Medizinprodukt zu entwickeln, um mit dessen Vertrieb nicht nur die Entwicklungskosten amortisieren zu können, sondern auch einen Gewinn zu erzeugen.

Das Ziel, einen „return-on-investment“ bzw. einen Gewinn zu generieren hat per se also gar nichts mit irgendwelchen Negativauswüchsen des kapitalistischen Systems zu tun (Ihr erinnert Euch, ich habe einen linken Aktivisten als Sohn 😉), sondern ist schlicht eine Notwendigkeit, um als Unternehmen langfristig überleben zu können. Dies gilt erst recht bei solch langwierigen, kostenintensiven und risikobehafteten Forschungsprojekten wie sie in der Medikamentenentwicklung durchgeführt werden.

12,5 Jahre und 1800 Mio USD

Abbildung 1 zeigt die durchschnittliche Dauer und den Kostenrahmen von Forschungsprojekten in der Pharma-Industrie. Es dauert im Durschnitt 12,5 Jahre von den ersten Versuchen in F&E bis zur Marktzulassung eines Medikaments. In diesem Zeitraum entstehen Kosten in Höhe von 1200-1800 Mio USD.

Eine große Zahl Wirkstoffkandidaten (>10.000) müssen gescreent und getestet werden, bevor es einer davon dann zur Marktzulassung schafft. Manchmal gelingt es überdies gar nicht ein marktreifes Produkt zu erzeugen. Die Kosten für erfolglose Projekte müssen dann durch den Umsatz, den andere, erfolgreich zugelassene Medikamente erwirtschaften, monetär mitgetragen werden.

Bei der immensen Investitionssumme in Kombination mit dem hohen Ausfallrisiko und der langen Vorfinanzierungsphase von 12,5 Jahren muss man als Unternehmen bei jedem Projekt stets den Markt und daraus abgeleitet, die Stärken, Schwächen, Opportunitäten und Risiken (Stichwort SWOT-Analyse) und vor allem auch die Kosten des Projektes im Blick haben, um den betriebswirtschaftlichen Erfolg gewährleisten zu können.

Was bedeuten diese Zahlen für die Jobsuche

Forschung, Entwicklung, Durchführung von präklinischen und klinischen Studien, Qualitätssicherung, Organisation des Zulassungsprozesses, Marketing & Sales plus die vielen Aufgaben, die sich darunter subsummieren, werden von Menschen durchgeführt. Bei einem beträchtlichen Anteil dieser 1800 Mio USD handelt es sich also um Lohnkosten, das bedeutet wiederum: Hier gibt es zahlreiche Jobmöglichkeiten. Das Beste daran: Für eine Mehrzahl dieser Positionen werden wir Naturwissenschaftler gebraucht. Ein paar davon schauen wir uns nach und nach in dieser Kolumne an.

Take Home Message

  1. Man kann sich den Jobeinstieg erleichtern, indem man sich nicht nur bei den großen Pharmaunternehmen nach Positionen umschaut, sondern indem man sich ganz bewusst auch bei den zahlreichen Auftragsforschungsunternehmen bewirbt. Hier ist das Einstiegsgehalt zwar meist etwas niedriger, aber dafür gelingt der Einstieg häufig leichter und die Aufgaben sind genauso interessant.
  2. In kleineren und mittelgroßen Unternehmen, die als Dienstleister oder Zulieferer für die Pharmaindustrie arbeiten, bekommt man sehr zügig einen Gesamtüberblick und versteht die betriebswirtschaftlichen Zusammenhänge besser, weil man die Prozesse schneller überblicken kann.
  3. Man weiß bei Vorstellungsgesprächen nie so genau, was auf einen zukommt. Natürlich soll man sich inhaltlich intensiv vorbereiten und professionell auftreten. Aber es geht nicht darum, vorgefertigte Antworten aus dem Internet auswendig zu lernen und dann im Gespräch angestrengt vorzutragen. Viel besser ist es, sich auf das Unternehmen und die ausgeschriebene Position vorzubereiten, seine Expertise in wenigen Sätzen präzise erläutern zu können und sich ein paar betriebswirtschaftliche Grundkenntnisse anzueignen. Und immer daran denken: Wenn es mal peinlich wird, einfach mit Ehrlichkeit und einem authentischen Lachen überzeugen.

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