Ich möchte Laborleiter*in werden

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Viele Absolvent*innen der Naturwissenschaften geben als Wunschposition „Laborleiter*in in der Industrie“ an. Auf Nachfrage, welche Labore genau sie gerne leiten würden, folgt dann meist das Geständnis, dass sie das gar nicht so genau wüssten, weil sie doch die Gegebenheiten in der Industrie noch gar nicht kennen. Deshalb beschäftigen wir uns heute mit der Frage, welche Labore in der Industrie denn überhaupt Leitung brauchen.

Warum wollen so viele Absolventen Laborleiter werden?

Wie ich in der ersten Folge dieser Kolumne schon berichtete, schwebte auch mir während meiner Post-Doc-Zeit als Wunschposition in der Industrie eine Stelle als Laborleitung oder als Projektmanager vor, obwohl ich mir unter beiden Positionen in der Industrie nur verschwommen etwas vorstellen konnte. Erst recht stellte sich mir die Frage, wo genau der Unterschied zwischen beiden Positionstypen sein sollte. Denn muss ein Laborleiter nicht auch Projekte – nämlich Forschungsprojekte – managen oder managt er doch eher das Labor, aber welche Aufgaben genau würden in der Industrie dann unter Labormanagement fallen. Manchmal hatte ich dann plötzlich das Gefühl, dass die Worte „Projektmanager“ und „Laborleiter“ zu komplett inhaltslosen und sinnfreien Worthülsen in meinem Kopf verschwammen. Dennoch hatte ich „irgendwie“ das Gefühl schon „irgendwie“ zu wissen, was da auf mich zukommen könnte, denn immerhin gab es doch auch an der Uni Labore zu leiten und Projekte zu managen. Das konnte doch alles gar nicht ein so großer Unterschied sein.

Irgendwann schoss auch plötzlich der Gedanke durch mein Hirn, ob ich denn wirklich Laborleiterin werden wolle, oder ob ich einfach nur die Alternativen nicht kannte und außerdem meine Komfortzone nicht verlassen wollte. Aber so ganz zu Ende denken konnte ich diesen Gedanken dann doch nicht - eben gerade aus Ermanglung des Wissens, was ich denn sonst noch so in der Industrie hätte werden können.

Kommt Euch dieses Gedankenkarussell und Gefühlschaos so oder so ähnlich bekannt vor? Dann lasst uns doch jetzt einfach gemeinsam ein wenig Licht ins Dunkel bringen

Laborleiter ist nicht gleich Laborleiter

Es gibt keine einheitliche Definition bzw. keine 100%-ig eindeutige Stellenbeschreibung für die Position des Laborleiters. Das genaue Stellenprofil unterscheidet sich von Unternehmen zu Unternehmen, kann sogar zwischen verschiedenen Abteilungen desselben Unternehmens variieren und hängt von inhaltlichen, strukturellen und organisatorischen Parametern ab. Schauen wir uns zunächst die inhaltlichen Parameter an.

Labore in Forschung und Entwicklung Pharma

In Forschungslaboren mit dem Ziel ein neues Medikament zu entwickeln, muss zunächst ein biologisch relevantes Target z.B. ein Enzym oder Rezeptor identifiziert und charakterisiert werden. Während der Lead Optimization werden Strukturen, die das Potential haben durch Wirkung am Target einen therapeutischen Nutzen zu haben, optimiert. Die rein inhaltliche Arbeit und das angewendete Methodenspektrum in diesen F&E Laboren hat durchaus noch sehr große Ähnlichkeit mit der Arbeit an Forschungsprojekten an der Uni, erst recht, wenn man schon an der Uni eher an translationalen Forschungsprojekten z.B.  in Uni-Klinik assoziierten Laboren gearbeitet hat und es sich um non-GLP Labore handelt.

Labore in der Präklinik

Potente Wirkstoff-Kandidaten werden in präklinischen Studien weiter geprüft: In-vitro-Studien an Zellkulturen und in-vivo Studien an Tiermodellen untersuchen die Wirksamkeit, die Sicherheit und die pharmakokinetischen Eigenschaften des Wirkstoff-Kandidaten. Auch in diesen Laboren entspricht die inhaltliche Arbeit in vielen Aspekten noch der Arbeit in Laboren an der Uni, dies trifft insbesondere zu, wenn man an der Uni schon intensiv mit Zellkulturmodellen, Zell-Assays und im Kontext von Tierversuchen gearbeitet hat. Allerdings haben wir hier den entscheidenden Unterschied, dass in der präklinischen Phase auf jeden Fall unter GLP-Bedingungen gearbeitet werden muss, wodurch sich die Abläufe im Labor doch deutlich von denen an der Uni unterscheiden. Es muss sich penibel an die SOPs (Standard Operating Procedures) gehalten werden, die Ansprüche an die Dokumentation sind enorm hoch und folgen einem genau vorgegebenen Modus operandi, des Weiteren gilt das 4-Augen-Prinzip und man unterliegt regelmäßigen Auditierungen – um nur einige Aspekte zu nennen.

Labore in der Qualitätskontrolle

Die im vorherigen Abschnitt beschriebenen strengen Regeln der „Good Laboratory Practice“ sind wichtig, um die Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit des späteren Medikaments sicherzustellen. Aus denselben Gründen gelten auch für die Produktion von Arzneimitteln strenge Qualitätsstandards.  Die Anforderungen an die Qualitätssicherung in der Produktion von Medikamenten sind von der Europäischen Kommission in den Grundsätzen und Leitlinien der Guten Herstellungspraxis (GMP=Good Manufacturing Practice) dargelegt. In Deutschland ist die konkrete Auslegung des GMP-Regelwerkes in der Arzneimittel- und Wirkstoffherstellungsverordnung geregelt. Die Einhaltung der Qualitätsanforderungen muss durch die Pharmaunternehmen sichergestellt und detailliert dokumentiert werden und wird durch die zuständigen Behörden überwacht. Eine besondere Bedeutung kommt in Pharma-Unternehmen deshalb den Laboren, die für die Qualitätskontrolle zuständig sind, zu. Die Aufgabe der QC-Labore ist es, die Qualität, die Stabilität und die Kontaminationsfreiheit der Rohstoffe, des Wirkstoffs, der Zwischenprodukte und vor allem des finalen Medikaments zu untersuchen und zu dokumentieren. Besonders wichtige Methoden sind hier nass-chemischen Methoden, die instrumentelle Analytik (z.B. HPLC, GC) und bei Biologika auch zellbasierte Assays. Man agiert in diesen Laboren also nicht als Entwickler für ein neues Medikament, sondern eher als Anwalt für dessen Qualität. Allerdings gibt es auch im QC-Bereich Entwicklungsprojekte in der Hinsicht, dass neue Methoden zur noch besseren Qualitätskontrolle entwickelt werden müssen oder bestehende Methoden optimiert und angepasst werden müssen. Auch hier gelten wieder sehr strenge Regeln für die Einhaltung aller Abläufe und für die GMP-konforme Dokumentation.

Aber es gibt doch nicht nur Pharma, oder?

Richtig, es gibt nicht nur Pharma. Es gibt noch eine Vielzahl weiterer Felder, in denen Laborarbeit stattfindet. Zum Beispiel das Feld der medizinischen In-vitro-Diagnostik. Biologische Proben werden mithilfe von IVD-Tests (z.B. Lateral-Flow-Assays und ELISAs) untersucht und deren Ergebnisse zu Diagnostikzwecken verwendet. Die berühmtesten Beispiele sind Schwangerschaftstests, Blutzuckerteststreifen und mittlerweile die COVID-19 Schnelltests. Der IVD-Markt ist stark wachsend und es werden immer weitere Anwendungsbereiche erschlossen. Diese Tests-Kits müssen entwickelt und produziert werden unterliegen auch wieder einer Qualitätskontrolle, was alles wieder Jobmöglichkeiten im Laborumfeld bedeutet.

Daneben gibt es auch eine Vielzahl von Unternehmen die Tools, Kits und Geräte entwickeln und diese an akademische und industrielle Forschungseinrichtungen vertreiben. Ohne diese Unternehmen wäre Forschung, so wie wir sie aktuell betreiben, nicht möglich. Der neueste Apoptose Kit, der nun wirkliche perfekte ELISA-Kit zur Zytokinquantifizierung oder der Antikörper der nun endlich zwischen Protein A & B differenzieren kann. All diese Dinge müssen unter Einbeziehung des neuesten Stands der Forschung entwickelt und optimiert werden. Es ergeben sich in der Wissenschaft ständig neue Fragestellungen, die mit geeigneten Methoden erforscht werden sollen. Die Arbeit in der F&E Abteilung eines solchen Unternehmens muss damit stets auf dem neuesten Stand der Forschung sein und zukünftige Entwicklungen antizipieren und selbst mit vorantreiben, um die richtigen Produkte zu aktuellen Fragestellungen zur Verfügung stellen zu können.

Was ist mit strukturellen und organisatorischen Parametern gemeint?

Nachdem wir nun die verschiedenen Labortypen und die inhaltlichen Fragestellungen angeschaut haben, mit denen Laborleiter*innen sich zu beschäftigen haben, wollen wir nun betrachten, welche Aufgaben ein*e vollumfänglich verantwortliche*r Laborleiter*in zu übernehmen hat. In einem größeren Unternehmen ist man selbst gar nicht mehr an der Bench. Der Fokus der Arbeit liegt auf der strategischen und betriebswirtschaftlichen Leitung der Abteilung und der Führung des Teams. Es müssen Zeit- Budget- und Ressourcenpläne erstellt werden. Aus diesen heraus müssen Abteilungsziele definiert werden, die dann auf Ziele für die einzelnen Mitarbeiter heruntergebrochen werden müssen. Den Mitarbeitern müssen die Aufgaben und Ziele in Mitarbeitergesprächen kommuniziert werden und häufig werden diese auch über sogenannte Zielvereinbarungen schriftlich fixiert. Die Erreichung der Ziele aus diesen Zielvereinbarungen sind auch die Grundlage für eventuelle Auszahlungen von Boni an die Mitarbeiter. Auch über die weitere Personalplanung und die Weiterentwicklung der Mitarbeiter muss man sich Gedanken machen.

Neben der Supervision des operativen Tagesgeschäfts muss man stetig die Möglichkeiten zur Prozessoptimierung im Blick haben, um die betriebswirtschaftliche Effizienz und die Qualität der Arbeit sicherzustellen. Darüber hinaus müssen zukünftige Investitionsprojekte entwickelt und kalkuliert und mit der nächsthöheren Managementebene besprochen werden.

Selbstverständlich ist man auch verantwortlich für die Einhaltung von rechtlichen Vorgaben und muss sich deshalb permanent über rechtliche Neuerungen auf dem Laufenden halten.

Da man auch betriebswirtschaftlich verantwortlich für seine Abteilung ist, muss man immer das Budget im Blick haben und monatlich, quartalsweise und jährlich Reports für die Geschäftsführung erstellen.

Das wären also die Aufgaben einer vollumfänglich verantwortlichen Laborleitung. Nun gibt es aber auch Unternehmen, die bezeichnen eine Position als "Laborleiter*in", die tatsächlichen Aufgaben entsprechen dann aber eher denen einer*s wissenschaftlichen Projektmanager*in*s, der*die ein spezifisches Forschungsprojekt leitet eventuell unter Einbeziehung eines kleinen Teams aus TAs. Oder die Stelle ist von einem kleinen Unternehmen ausgeschrieben und Laborleitung bedeutet in diesem Unternehmen vielleicht, dass man über Projektplanung, Budgetkontrolle und Durchführung der Forschungsarbeit alles alleine macht, und man dabei auch gleichzeitig selbst seine beste TA ist.

Es sind hier viele Variationen möglich. Da hilft es nur die Stellenanzeigen genau zu lesen und im Vorstellungsgespräch detaillierte Fragen zum eigentlichen Umfang der Position zu stellen.

Take Home Messages

  • Es muss nicht immer gleich die Laborleitung sein. Eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter, Research Associate, Lab Scientist, Scientific Project Manager und wie sie alle heißen, sind ein super Einstieg, auch wenn sie nicht die fancy Worte „Head of“ oder „Leitung“ im Namen haben. Sie geben einem die Möglichkeit, sich erstmal in der Industrie zurechtzufinden und zu etablieren. An der Führungslaufbahn arbeitet man erst im nächsten Schritt, wenn man fachlich fest im Sattel sitzt.
  • Stellenanzeigen genau lesen: Laborleiter*in ist nicht gleich Laborleiter*in. Wenn es bei der Position eher um die rein inhaltliche Betreuung eines Forschungsprojektes geht und vielleicht die Anleitung eines kleinen Teams von 2-3 Personen umfasst, dann ist die Stelle durchaus für Absolvent*innen geeignet. Wenn es sich jedoch um eine vollumfängliche Laborleitung handelt, ist das für den Einstieg eine Nummer zu groß.
  • Schließlich sollte man sich über all die anderen Jobmöglichkeiten, die die Industrie noch zu bieten hat, informieren, damit man überprüfen kann, ob man wirklich Laborleiter*in werden will oder ob nicht eine andere Position doch besser zu einem passt.

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