Einstiegsjobs mit Potential – Karriere-Sprungbrett für die Zukunft

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In den letzten beiden Folgen dieser Karriere-Kolumne haben wir uns mit den Positionen Projektmanager*in und Produktmanager*in in der Life Science Industrie beschäftigt. Beide Positionen haben einige Gemeinsamkeiten: In beiden Positionen agiert man als zentrale Schaltstelle zwischen einer Vielzahl von Stakeholdern, die man organisatorisch und kommunikativ so managen muss, dass das gesetzte Ziel erfolgreich im vorgegebenen Zeitrahmen erreicht wird.  Es gibt noch eine weitere große Überschneidung: Beide Positionen werden von vielen Absolvent*innen als Wunschpositionen für den Einstieg in die Industrie angesehen. Die Unternehmen übertragen diese Positionen allerdings nicht so gerne an Absolvent*innen ohne Industrieerfahrung. Deshalb stellen wir heute ein paar Einstiegspositionen vor, die sich perfekt als Karriere-Sprungbrett in Richtung Projekt- und Produktmanager*in eignen.

Warum habe ich dann überhaupt den Master oder die Promotion gemacht?

Zahlreiche Absolvent*innen reagieren irritiert, wenn während des Bewerbungsprozesses immer wieder deutlich wird, dass das so mühsam erworbenen naturwissenschaftliche Fachwissen anscheinend nicht ausreicht und man gesagt bekommt, dass man die Erwartungen an Höhe des Gehalts und Einfluss der Position erstmal ordentlich zurückzuschrauben müsse. Enttäuschung macht sich breit und man fragt sich: „Warum habe ich mich dann überhaupt durch die Promotionsphase gequält, wenn der Doktortitel mich dann doch nicht für eine leitende Position qualifiziert?“

Hier können wir Entwarnung geben: Den Master und die Promotion hat man nicht „umsonst“ gemacht. Wir Naturwissenschaftler*innen werden selbstverständlich dringend in der Life Science Industrie gebraucht und der Masterabschluss und die Promotion bieten ein mehr als solides Fundament für die zukünftige Karriere. Allerdings ist unsere naturwissenschaftliche Fachexpertise zwar notwendig aber eben nicht hinreichend. Um in der Welt der Unternehmen langfristig erfolgreich zu sein, benötigen wir zusätzlich zu unserem fachspezifischen Wissen auch betriebswirtschaftliche Kenntnisse und vor allem müssen wir die Zusammenhänge in der Welt der Unternehmen und in der Industrie verstehen. So ähnlich wie die Lehramtsstudent*innen nach dem ersten Staatsexamen, das ihr Fachwissen abprüft, im anschließenden Referendariat auch erst noch systematisch und unter Supervision erlernen, wie man in der Praxis mit den Schüler*innen arbeitet, müssen wir Naturwissenschaftler*innen im Anschluss an unser Studium auch erstmal Praxiserfahrung sammeln, um im Anschluss daran dann bereit für die gestaltenden, strategischen und leitenden Positionen zu sein.

Wo einsteigen?  - Pharma, Biotech, Produktlieferanten, Serviceanbieter …

Wenn wir uns nun anschauen wollen, welche Positionen sich gut als Sprungbrett in die Rolle als zukünftige*r Projekt-, Produktmanager*in oder Teamleiter*in im Life-Science-Bereich eignen, müssen wir wieder differenzieren, ob der Einstieg in die medikamentenentwickelnde Pharma- und Biotechindustrie erfolgen soll oder ob man sich eher für die Unternehmen interessiert, die Produkte und Services rund um Laborgeräte, Analyse-Kits und Labor- sowie Forschungsservices anbieten. Man muss diese Unterscheidung treffen, da gerade im Produktmanagement, Marketing & Vertrieb von Medikamenten strengere Compliance-Regeln (beschrieben im Arzneimittel- und im Heilmittelwerbegesetz) gelten als in dem Bereich der Laborprodukte- und Laborserviceanbieter. Schauen wir uns zuerst den Bereich der Laborprodukte und Laborserviceanbieter an.

Schluss mit Vorurteilen: Keine Angst vor dem Vertrieb und der Kundenbetreuung

Wenn man sich für den Bereich der Laborgeräte und -services interessiert, ist der Einstieg über eine vertriebsassoziierte Stelle ein guter Weg, um das betriebswirtschaftliche Wissen zu erlernen, das man für eine zukünftige leitende Managementpositionen in einem Unternehmen so dringend benötigt. Zu den Begriffen „Vertrieb“, „Außendienst“ und „Kundenberatung“ haben viele Absolventen leider eher negative Assoziationen. Dies sollte man überdenken, denn der Vertrieb stellt eine zentrale Säule für den Unternehmenserfolg dar - ohne Kundenberatung und Vertrieb kann in einem Unternehmen kein Umsatz generiert werden und ohne Umsatz kann ein Unternehmen nicht existieren. Im Vertrieb lernt man das betriebswirtschaftliche Denken am schnellsten. Wir schauen uns diese Einstiegsmöglichkeiten rund um Vertrieb und Kundenbetreuung mal kurz an, denn da ist eigentlich für jeden etwas dabei.

Außendienst, Inside Sales Support, Tech-Support Specialist und Application Manager

Im Außendienst ist man der Umsetzer der Marketing- und Vertriebsstrategie, die vom Produktmanager und der Vertriebsleitung (häufig unter Einbeziehung der Meinung des Außendienstes) entwickelt wurden. Man muss selbst auch strategisch arbeiten: Man analysiert die potentiellen Kunden im Vertriebsgebiet, für das man zuständig ist, gewichtet sie nach potentieller Kaufkraft und entscheidet über welchen Channel und mit welchem Produktportfolio und welchen Verkaufsargumenten man den Kunden anspricht. Man nutzt sein naturwissenschaftliches Wissen, um dem Kunden ein auf seine Bedürfnisse abgestimmtes Produktportfolio vorzustellen, das ihm passgenau bei der Bearbeitung seiner Forschungsprojekte unterstützt. Am erfolgreichsten ist man nämlich, wenn man sich einen Kundenstamm aufbaut, von dem man als wissenschaftlicher Sparringspartner betrachtet wird. Zusätzlich beobachtet den Markt und nutzt das Wissen, das man im Kundenkontakt erhält, um dies an das Produktmanagement und R&D zurückzuspielen, um so zu Produktverbesserungen und Verbesserungen der Marketing- und Vertriebsstrategien beizutragen. Man hat seine Umsatzzahlen und Umsatzziele im Blick und passt seine strategischen Maßnahmen an, falls die Umsatzzahlen hinter den Erwartungen zurückbleiben. Das Einstiegsgehalt liegt im Bereich von 48.000-60.000 € plus leistungsabhängigen Bonus im Bereich von 10-25% des Jahresgehaltes plus Firmenwagen.

Im Inside Sales Support unterstützt man den Außendienst, indem man Angebote für deren Kunden erstellt, Verfügbarkeiten von Produkten prüft, technische Anfragen zu Produkten beantwortet, Bestellungen von Bestandskunden und aus dem Onlineshop bearbeitet und Reklamationen prozessiert. Es kann auch vorkommen, dass man z.B. mit Mailingkampagnen oder Telefonaktionen bei der Neukunden-Akquise unterstützt. Diese Position kommt als Einstieg in Frage, wenn man sich das Wissen aus dem Sales aneignen will, aber zu viel Respekt vor den Aufgaben im Außendienst hat. Das Einstiegsgehalt liegt bei 36.000-50.000 € Jahresgehalt häufig plus leistungsabhängigen Bonus von 10-25%.

 Wem auch die Position im Inside Sales Support noch zu „sales-lastig“ ist, für den kommen Positionen im Tech-Support und im Application Management in Frage. In diesen Positionen steht nicht der Verkaufsakt im Vordergrund, sondern die technische Beratung. Hier kann man sein komplettes naturwissenschaftliches Wissen anbringen, um den Kunden bei Fragen zu Produkten, Methoden, Protokollen und Funktionsweisen von Geräten ein kompetenter Gesprächspartner zu sein. Häufig obliegt dem Tech Support auch die Reklamationsbearbeitung, da dabei auch technische-naturwissenschaftliche Fragestellungen im Vordergrund stehen. Man übernimmt im Tech-Support und Application Management die wichtige Funktion, eine nachhaltige Kundenzufriedenheit und -bindung sicherzustellen.  Im Tech-Support beträgt das Einstiegsgehalt 36.000-48.000 pro Jahr. Da man als Application Specialist auch häufig zu den Kunden vor Ort fährt, um die Kalibrierungen und Wartungen von Geräten vorzunehmen oder Methoden vorzuführen, ist das Jahresgehalt mit 48.000-60.000 € etwas höher und zusätzlich erhält man einen Dienstwagen.

Stairway to heaven: Traineeprogramme in Pharmaunternehmen

Wer seine Zukunft als Projekt- oder Produktmanager in der Pharmabranche sieht, der sollte sich unbedingt um die Aufnahme in ein Traineeprogramm eines Pharmaunternehmens bemühen. Traineeprogramme werden von vielen Pharmaunternehmen für verschiedene Bereich angeboten, z.B. in den Business Units R&D, Marketing & Sales, Medial Affairs, Quality aber durchaus auch in den Bereichen Finance & Controlling oder Human Resources. Möchte man später Produktmanager werden, bietet sich am besten ein Traineeprogramm im Bereich Marketing & Sales an. Möchte man Projektmanager werden, wählt man den Fachbereich, dessen Projekte inhaltlich am ehesten der eigenen Expertise und den eigenen Interessen und Stärken entsprechen.

Im Rahmen eines Traineeprogramms lernt man innerhalb von zwei Jahren alle Aspekte des gewählten Bereiches kennen. Ein zusätzliches Seminarprogramm und ein persönlicher Mentor unterstüzten die Trainees auf ihrem Weg zu einer zukünftigen Fach- und Führungskraft. Das Ziel des Traineeprogramms ist in der Regel, die Trainees später auch als Fach- oder Führungskraft im Unternehmen einzusetzen bzw. weiterzuentwickeln. Damit man sich das konkreter vorstellen kann, geben wir hier nun ein Beispiel eines prototypischen Ablaufplans eines Traineeprogramms im Bereich Marketing & Sales:

  • In den ersten 2 Monate hospitiert man in verschiedene Abteilungen des Marketing- & Sales- Bereiches, um die Zusammenhänge zwischen den (Unter-)Abteilungen besser verstehen zu können.
  • Darauf folgt eine 6-monatige Phase im strategischen Marketing während der man bei der Erarbeitung von Marketingstrategien für Medikamente eines bestimmtes Indikationsgebiet (z.B. Onkologie) unterstützt.
  • Als nächstes folgt eine 4-wöchige Außendienstschulung und daran anschließend folgt eine 9-monatige Phase im Arzt- und / oder Klinik-Außendienst.
  • Abschließend unterstützt man 6 Monate im Bereich Market Access bei dem Prozess rund um die Markteinführung eines Medikamentes.
  • Zusätzlich zu der Ausbildung im operativen Bereich wird die Entwicklung der Trainees durch einen persönlichen Mentor und ein umfassendes Seminarprogramm zu Themen wie Zeit- und Selbstmanagement, Kommunikation und Führung oder auch Projektmanagement begleitet.

Traineeprogramme sind also äußerst attraktiv für Absolventen. Man erhält eine äußerst strukturierte Einarbeitung und kann sich schnell einen Überblick über alle Zusammenhänge in einer ganzen Business Unit bilden. Zusätzlich zu dem meist überaus großzügigen und umfassenden Fortbildungs- und Mentoringprogrammen gibt es meist auch ein sehr ansprechendes Jahresgehalt im Bereich von 50.000-60.000 €. Man darf aber eines auch nicht vergessen: Die Unternehmen machen das nicht zum Selbstzweck. Im Rahmen dieser Programme screenen sie nach High Potentials, die dann als zukünftige Fach- und Führungskräfte dem Unternehmen durch gute Leistung auch wieder etwas zurückgeben sollen. Es kann aus unterschiedlichen Gründen auch mal vorkommen, dass im Anschluss an das Traineeprogramm eine Übernahme in dem Unternehmen in eine Fach- oder Führungsposition doch nicht funktioniert. Das stellt in der Regel kein Problem für die weitere Karriere dar. Aufgrund des guten Rufs von Traineeprogrammen der großen Pharmafirmen hat man im Anschluss daran einen „sehr guten Marktwert“ und findet in der Regel sehr zügig seinen Traumjob in einem anderen Unternehmen.

Take Home Message

  • Noch einmal zur Erinnerung der ultimative Tipp, den ich auch in früheren Folgen immer wieder erwähnt habe: Den entscheidenden Unterschied macht die Industrieerfahrung. Deshalb ist es klug schon während der Uni-Zeit Praxiserfahrung zu sammeln – zum Beispiel über Werksstudierendenjobs oder indem man die Bachelor- Master- und /oder Doktorarbeit in Kooperation mit einem Unternehmen schreibt.
  • Jobs, bei denen man koordinierende Aufgaben übernimmt und betriebswirtschaftliche Zusammenhänge erlernen kann wie zum Beispiel in den Bereichen Vertrieb und technische Beratung sind eine gute Ausgangslage für die anschließende Karriere als Produkt- oder Projektmanager.
  • Abschließend möchten wir festhalten, dass die Welt nicht schwarz-weiß ist und sich nicht auf eine Doppelseite im Laborjournal pressen lässt. Natürlich gibt es da draußen auch die Möglichkeit für Absolvent*innen, direkt in eine leitende Position mit 75.000€ Startgehalt einzusteigen. Da das Auftreten dieser Möglichkeit aber nicht mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit einher geht, sollte man eben auch einen Plan B haben. Die beschriebenen Optionen für so einen Plan B sind kein schlechterer Einstieg, sondern vielleicht sogar der bessere. In den beschriebenen Einstiegsjobs bekommt man die Möglichkeit, erstmal in der Industrie anzukommen und man darf auch mal einen Fehler machen. Steige ich gleich als Führungskraft mit entsprechendem Gehalt ein, wird auch eine sehr hohe Erwartung an mich gestellt. Da man hier eine ganz andere Verantwortung für Menschen und den betriebswirtschaftlichen Erfolg der zu verantwortenden Projekte und Produkte hat, kann der Druck ganz schön schnell ganz schön groß werden, weil einem am Ende des Tages zur erfolgreichen Erfüllung dieser großen Verantwortung dann eben doch die Industrieerfahrung fehlt. Deshalb: Lieber beim Einstieg darauf achten, dass man eine gute Einarbeitung bekommt und der Job eine gute Grundlage bietet, um einen Überblick in die betriebswirtschaftliche Unternehmenssicht zu erhalten.  Zwei Jahre später, kann man dann ganz bewusst und mit genügend Praxiserfahrung im Gepäck, den Schritt Richtung Fach- oder Führungskarriere oder hin zum Projekt- oder Produktmanager souverän und geplant angehen. Und glaubt mir mit dem ersten Karrieresprung nach zwei Jahren hüpft dann auch das Gehalt mit auf das nächste Level.

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